Teil 2

"...[5. Oktober 1942] Die von den Lastwagen abgestiegenen Menschen, Maenner, Frauen und Kinder jeden Alters, mussten sich auf Aufforderung eines SS-Mannes, der in der Hand eine Reit- oder Hundepeitsche hielt, ausziehen und ihre Kleider nach Schuhen, Ober- und Unterkleidern getrennt an bestimmten Stellen ablegen. Ich sah einen Schutthaufen von schaetzungsweise 800 bis 1000 Paar Schuhen, grosse Stapel mit Waesche und Kleidern. Ohne Geschrei oder Weinen zogen sich diese Menschen aus, standen in Familiengruppen beisammen, kuessten und verabschiedeten sich und warteten auf den Wink eines anderen SS-Mannes, der an der Grube stand und ebenfalls eine Peitsche in der Hand hielt. Ich habe waehrend einer Viertelstunde, als ich bei den Gruben stand, keine Klagen oder Bitten um Schonung gehoert. Ich beobachtete eine Familie von etwa acht Personen, einen Mann und eine Frau, beide von ungefaehr so Jahren, mit deren Kindern, so ungefaehr 1-, 8- und 10-jaehrig, sowie zwei erwachsene Toechter von 20 bis 24 Jahren. Eine alte Frau mit schneeweissem Haar hielt das einjaehrige Kind auf dem Arm und sang ihm etwas vor und kitzelte es. Das Kind quietschte vor Vergnuegen. Das Ehepaar schaute mit Traenen in den Augen zu. Der Vater hielt an der Hand einen Jungen von etwa 10 Jahren, sprach leise auf ihn ein. Der Junge kaempfte mit den Traenen. Der Vater zeigte mit dem Finger zum Himmel, streichelte ihn ueber den Kopf und schien ihm etwas zu erklaeren.

Da rief schon der SS-Mann an der Grube seinem Kameraden etwas zu. Dieser teilte ungefaehr 20 Personen ab und wies sie an, hinter den Erdhuegel zu gehen. Die Familie, von der ich hier sprach, war dabei. Ich entsinne mich noch genau, wie ein Maedchen, schwarzhaarig und schlank, als sie nahe an mir vorbeiging, mit der Hand an sich herunterzeigte und sagte: 23 Jahre! Ich ging um den Erdhuegel herum und stand vor dem riesigen Grab. Dicht aneinandergepresst lagen die Menschen so aufeinander, dass nur die Koepfe zu sehen waren. Von fast allen Koepfen rann Blut ueber die Schultern. Ein Teil der Erschossenen bewegte sich noch. Einige hoben ihre Arme und drehten den Kopf, um zu zeigen, dass sie noch lebten. Die Grube war bereits dreiviertel voll. Nach meiner Schaetzung lagen darin bereits ungefaehr 1000 Menschen. Ich schaute mich nach dem Schuetzen um. Dieser, ein SS-Mann, sass am Rand der Schmalseite der Grnbe auf dem Erdboden, liess die Beine in die Grube herabhaengen, hatte auf seinen Knien eine Maschinenpistole liegen und rauchte eine Zigarette.

Die vollstaendig nackten Menschen gingen an einer Treppe, die in die Lehmwand der Grube gegraben war, hinab, rutschten ueber die Koepfe der Liegenden hinweg bis zu der Stelle, die der SS-Mann anwies. Sie legten sich vor die toten oder angeschossenen Menschen, einige streichelten die noch Lebenden und sprachen leise auf sie ein. Dann hoerte ich eine Reihe Schuesse. Ich schaute in die Grube und sah, wie die Koerper zuckten oder die Koepfe schon still auf den vor ihnen liegenden Koerpern lagen. Von den Nacken rann Blut.

Ich wunderte mich, dass ich nicht fortgewiesen wurde, aber ich sah, wie auch zwei oder drei Postbeamte in Uniform in der Naehe standen. Schon kam die naechste Gruppe heran, stieg in die Grube hinab, reibte sich an die vorherigen Opfer an und wurde erschossen. Als ich um den Erdhuegel zurueckging, bemerkte ich wieder einen soeben angekommenen Transport von Menschen. Diesmal waren Kranke und Gebrechliche dabei. Eine alte, sehr magere Frau mit fuerchterlich duennen Beinen wurde von einigen anderen, schon nackten Menschen ausgezogen, waehrend zwei Personen sie stuetzten. Die Frau war anscheinend gelaehmt. Die nackten Menschen trugen die Frau um den Erdhuegel herum. Ich entfernte mich mit Moennikes und fuhr mit dem Auto nach Dubno zurueck.

Am Morgen des naechsten Tages, als ich wiederum die Baustelle besuchte, sah ich etwa 30 nackte Menschen in der Naehe der Grube, 30 bis 50 Meter von dieser entfernt, liegen. Einige lebten noch, sahen mit stierem Blick vor sich hin und schienen weder die Morgenkaelte noch die darumstehenden Arbeiter meiner Firma zu beachten. Ein Maedchen von etwa 20 Jahren sprach mich an und bat um Kleider und um Hilfe zur Flucht.- Da vernahmen wir auch schon das Herannahen eines schnellfahrenden Autos, und ich bemerkte, dass es ein SS-Kommando war. Ich entfernte mich zu meiner Baustelle. Zehn Minuten spaeter hoerten wir einige Schuesse aus der Naehe der Grube. Man hatte die Leichen durch die noch lebenden Juden in die Grube werfen lassen, sie selbst mussten sich daraufhin in diese legen, um den Genickschuss zu erhalten.

Ich mache die vorstehenden Angaben in Wiesbaden, Deutschland, am 10. November 1945. Ich schwoere bei Gott, dass dies die reine Wahrheit ist. Fried Graebe"

  • Eidliche Erklaerung des Hermann Friedrich Graebe vom 10.11.1945,
    • in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militaergerichtshof, Nuernberg 1946, Bd. XXXXI, S. 447f (2992-PS)